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Angefangen hat es in Kötzting

Es war einmal, und alles war einmalig. Nichts wiederholte sich, auch wenn wir es erst nachträglich als schön erkannten. Das hatten wir davon, von der Gnade der ziemlich späten Geburt, die uns schnurstracks in die 60er Jahre und damit in die Zeit des Umbruchs hineinbeförderte. Das Land durchlebte seinen Abschied von gestern, von den verkrusteten Strukturen des Wiederaufbaus und den vielen humorlosen Vorkriegscharakteren. Über Nacht stolperte es in eine Phase des Ausgleichs mit dem Osten, in einen mitfühlenden Sozialstaat und in ein voreiliges Übermaß von Optimismus („Willy wählen“). Erst unangenehme Zeiterscheinungen wie Ölkrise und Baader-Meinhof-Terrorismus sollten uns wieder dämpfen.

 

Ich wurde in einer kleinen Kreisstadt im Bayerischen Wald geboren: Kötzting, heute Bad Kötzting. 1955 lag der Ort weitab vom bayerischen oder gar bundesdeutschen Geschehen. 30 Kilometer des gleichnamigen Landkreises grenzten an die weitgehend abgeriegelte Tschechoslowakei, ein abgeriegelter Hort des Nachkriegs-Stalinismus. Kötzting gilt als Tor zum touristisch interessanten Zellertal und zu weiten Waldlandschaften. In der 1964 erschienen Landkreischronik, eines meiner ersten Bücher, ist die Rede vom „Raunen und Rauschen der Wälder, die die Kindheit jenes Parzival behütet, die der deutsche Minnesänger Wolfram von Eschenbach an den Anfang seines Epos setzte. Jenes Raunen und Rauschen der Wälder, das auch in unserer gehetzten Zeit in die innere Einkehr dringt“. Eine alte Kulturlandschaft also, romantisch und unpolitisch.

 

So lesen sich beide Heimatbücher. Das zweite erschien 1985, um die 900jährige Geschichte von Kötzting zu würdigen. Das herausragende Ereignis der vergangenen 100 Jahre scheint die Erhebung zur Stadt 1953 gewesen zu sein. Im übrigen besteht Kötzting aus ellenlanger Kirchengeschichte, aus Behörden und Wanderwegen. Ein Teil der lokalen Verwaltungen wurde inzwischen aufgelöst oder zurechtgestutzt – unter ihnen Landratsamt, Bundespost, Bahnhof, Amtsgericht und Bundeswehr. Unsterblich scheint lediglich der Höhepunkt eines jeden Jahres zu sein – der Pfingstritt am Pfingstmontag. Rund 1000 geschmückte Pferde bewegen sich bei dieser Gelegenheit in Form einer Wallfahrt durch die Stadt. Und das seit 1412.

 

In meinem Geburtsjahr 1955 gab es übrigens nur ein nennenswertes Ereignis, der Bau einer evangelisch-lutherischen Kirche. Das erregte Aufsehen im beinahe fundamentalistisch katholischen Kötzting. Als ich bereits jeden Morgen in de nahegelegene Holzapfelstraße zur Grundschule spazierte, kam die Bundeswehr in die Stadt. Der Fernmeldesektor F zog eine weitläufige Kaserne hoch, die sich hinter dicken Hecken und dichten Bäumen versteckte. Die Soldaten kümmerten sich bis zum Ende des Kalten Krieges um den Funkverkehr der „anderen Seite“, hörten also vorwiegend Militärs der Warschauer-Pakt-Staaten ab. Kötzting wurde Frontstadt, jedenfalls eine ganze Weile.

 

Auch das gab es im eigentlich verschlafenen Bayerwald-Städtchen der späten 60er und frühen 70er Jahre: Ein linkes Häuflein, teilweise langhaarig, aufmüpfig, frech. Es passierte alles im April. Die Erneuerung der Jungen Union, das Osterfest – und damit auch der Kötztinger Ostermarsch. Seine Organisatoren nannten ihn sogar Friedensmarsch, und weil sie es nicht ertragen konnten, dass im fernen Vietnam die übermächtigen USA ein erstes Mal dem Irrtum erlagen, dass sie von einem bitter armen Land bedroht wurden. Also sammelten Franz Rainer Sponheimer und Harald Dürschinger ihre wenigen Freunde, malten Schilder („Heute Vietnam. Morgen????? Stopp den Wahnsinn“/ „Macht Kinder keine Bomben“) und zogen vom Bahnhof zum Oberen Markt.

 

Angeführt von einem Streifenwagen, legten die acht Demonstranten ihren Spießrutenlauf zurück. Hinter Fenster, Vorhängen, durch halboffene Türen beobachtete Kötzting seine Friedensmarschierer. Am sogenannten „Stachus“ standen die, die dort jeden Sonntag standen, und murmelten etwas von Gesindel und Gammlern. Einer meinte, der Fasching sei wohl verspätet noch einmal ausgebrochen. Nach einer Weile löste sich die Demo an der Veitskirche auf, und die 16 Polizeibeamten zogen geordnet ab. Ihr Chef, Amtmann Alfred Gradl, der die Szene aus einem unauffälligen Fiat mit Nürnberger Kennzeichen beobachtet hatte, konnte den „Ernstfall“ als Erfolg beenden. Auch das gesunde Volksempfinden eilte zum mittäglichen Schweinebraten mit Semmelknödel und Sauerkraut.

 

Ich war beide Male dabei, als beinahe 16jähriger, ehrgeiziger, für die Umstände dieses Alters ziemlich aktiver Mitarbeiter der „Kötztinger Zeitung“. Schon seit beinahe zwei Jahren belieferte ich als „Freier“ die führende Lokalzeitung. Mein ehemaliger Mitschüler – inzwischen hatte er es zum Jung-Redakteur gebracht – Franz Xaver Hackl bestärkte mich darin, aber auch mein eigentlicher Mentor: Redaktionsleiter und Heimatforscher Karl B. Krämer, eine legendäre Figur des Bayerischen Waldes. Wann immer mir die Realschule Freizeit ließ, verbrachte ich sie bei der Zeitung. Ich besuchte alte Menschen, die runde Geburtstage feierten, ließ mir aus ihrem Leben berichten und brachte dies zu Papier. 30 oder 40 Zeilen und ein Foto, das war der Maßstab für die meisten Jubilare.

 

Gegen 17 Uhr rief ich regelmäßig bei den Polizeien unseres Einzugsbereiches an und fragte nach den Ereignissen des Tages. Daraus entstanden kurze Meldungen, die am nächsten Tag mit großer Neugierde gelesen wurden. Auch das sicherte unsere Quote, würde man heute sagen. Häufig besuchte ich auch die Versammlungen von Vereinen und teilte der geneigten Leserschaft mit, was dort beschlossen worden war.

 

Aufgrund meiner eigenen Jugend, und auch wegen meiner damals schon ausgeprägten musikalischen Interessen, befasste ich mich immer wieder mit der Rock- und Beatszene. Ich entwickelte mich zu einem inoffiziellen Jugendreferenten der Zeitung. Im Juli und August 1970 schrieb ich über „Swinging Kötzting“ und porträtierte Bands, die sich „Special Persons“ und „Gents“ nannten. In der Regel begannen ihre Konzerte um 15 Uhr, was schon wegen des Jugendschutzes (Kinderschutzes?) vernünftig war. Auch die Musiker hatten seinerzeit das Durchschnittsalter von 15 Jahren noch nicht überschritten. In der Regel drückten sie mit ihren Fans dieselbe Schulbank.

Nicht selten rückte ich aus, um Kötztinger wie auch Zugereiste auf offener Straße zu „belästigen“. Wir füllten unsere Lokalzeitung gerne mit aktuellen Umfragen. Im September 1970 bewegte sich ein Oberfeldwebel der Bundeswehr mit einem bunt bemalten VW-Käfer durch Kötzting. Das auffällige Flower-Power-Vehikel trug den Namen „Clementine“. Ein weiterer Volkswagenbesitzer aus einem Nachbarort verzierte die Kühlerhaube seines Gefährts mit dem Konterfei von Che Guevara. Wir fragten Passanten nach ihrer Meinung. Die Schülerin Ingrid Probst, 16, fand das „sehr fesch“. Mein Freund Kurt Kiener, 16, liberal wie eh und je, gab sich verständnisvoll: „Warum nicht bemalen, wenn´s gefällt?“ Der bekannt konservative Oberlehrer Franz Zelzer, 57, winkte ab: „Sehr kitschig und kindisch.“

 

Im November 1970 sagten Futurologen – damals ein Beruf mit Zukunft – voraus, dass 1980 bereits die 28-Stunden-Woche üblich sein werde. Wir stellten also in unserer Zeitung fest, dass mehr Freizeit und weniger Arbeit auf die nächste Generation zukommen könne. Nun mischte ich mich wieder unter die Betroffenen. Die Realschülerin Elfriede Heigl, 16, erzählte von ihrer Auslastung durch Sport und Spiele, dicken Büchern („Vom Winde verweht“) und Nebenjobs. Roland Drechsel schwärmte von Popmusik und vertraute mir an, dass er gerade dabei sei, eine eigene Band zu formieren. Die Gymnasiastin Nina Schubert, 16, empfand sich durch Schule, Sport und klassische Musik ausgelastet, und auch Maria Liebl beschrieb freimütig ihre musische Ader.

 

Selbstverständlich nahmen wir auch die „Konkurrenz“ wahr. Seit 1968 existierte an der Realschule ein dünnes Blättchen namens „Lupe“. Das manchmal recht unbequeme Schülerorgan, bei dem ich auch mitmischte, war vom damaligen Schulsprecher Eugen Mühlbauer („Eule“) gegründet worden. Die „Chefredaktion“ ging jeweils an den nächsten Schulsprecher über, nach der „Eule“ also an Günther Kolbeck und dann an dessen Nachfolger Michael Plötz. Dass die „Lupe“ ein festes Bollwerk der Emanzipation war, das mussten auch wir, bei der „Kötztinger Zeitung“, lobend anerkennen. Auf 19 Redaktionsmitglieder kamen im Schuljahr 1971/72 nicht weniger als 14 Mädchen. Wir sahen es mit Wohlgefallen.

 

Im Juli 1971 ging mein Berufswunsch in Erfüllung. Ich bekam einen Ausbildungsvertrag beim Verlag der „Kötztinger Zeitung“ und trat als Volontär an, bevor mir die Schule das Abschlusszeugnis ausgehändigt hatte. Das Anfangsgehalt lag unter 400 Mark. Es reichte gerade für ein spartanisches Leben.

Der Sommer 1971 brachte extreme Höhen und Tiefen. Wenige Tage vor meinem Arbeitsbeginn bei der „Kötztinger Zeitung“ verunglückte Karl B. Krämer tödlich. Noch in seinen letzten Stunden waren wir gemeinsam dienstlich unterwegs gewesen. Dieser unersetzliche Verlust traf uns alle und schadete dem Blatt für lange Zeit.

Eine weitere Erinnerung an den August 1971 zeigt, wie anders diese Zeit war. Ich traf die neuen Lehrlinge mehrerer Kötztinger Betriebe und sprach mit Experten über den Arbeitsmarkt. Die Fachleute stellten fest, dass es keineswegs genügend Auszubildende gab.

 

Der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Kötzting, Gewerberat August Hofner, mein Großvater, beklagte, dass die Zahl der Lehrverträge gegenüber dem Vorjahr stark abgenommen hatte. Das habe damit zu tun, dass sich immer mehr Jugendliche für eine höhere Schule entscheiden würden, und dass auch die Realschüler in Verwaltungsberufen und anderen gehobenen Laufbahnen unterkämen. In wenigen Jahren, so prophezeite er, seien diese Berufe voll besetzt. Dann müssten die Jugendlichen wieder ein Handwerk lernen.

 

Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Eine typische Überschrift jener Tage lautete: „Kötzting baut Hallenbad auf jeden Fall“. Bürgermeister Josef Dullinger stellte die Pläne vor und kündigte das Projekt für 1972 an – dem Jahr der kommunalen Gebietsreform. Damals wurde der Landkreis Kötzting aufgelöst und in den Nachbarlandkreis Cham eingegliedert. Das lieferte dem extrem skeptischen Bürger viel Gesprächsstoff und den Medien jede Menge Artikel. Die Obrigkeit spendierte Trostpflaster. Kötzting bekam ein eigenes Gymnasium, ein neues Kreiskrankenhaus, ausgebaute Straßen, das besagte Hallenbad. Und überall begegnete einem der Aufschwung.

Ende Oktober 1971 setzte ich die folgende Zeile über einen vierspaltigen Artikel: „Leonische Drahtwerke leiden unter Arbeitskräftemangel“. Im Text hieß es: „Im Kötztinger Zweigwerk sind derzeit 74 Beschäftigte. Bis zum Jahresende hofft man, diese Zahl vorläufig auf 120 heben zu können. Viele Maschinen des Betriebs stehen noch im Originalzustand an ihrem vorherbestimmten Platz und warten auf geeignetes Bedienungspersonal. Es sind Aufträge vorhanden, aber keine Leute, die sie erfüllen.“ Trotzdem hatte Kötztings Aufstieg in eine andere, bessere Liga bereits begonnen.

 

Einer meiner letzten Berichte, bevor ich im November 1971 zur „Chamer Zeitung“ in die Nachbarstadt Furth im Wald wechselte, handelte von der Fahndung nach dem dreifachen Mörder Alois Schießl. Der Geistesgestörte hatte zwei Frauen und ein Kind erschossen und war in die Wälder geflüchtet. An Allerheiligen tauchte er in dem Weiler Ritzenried wieder auf und ließ sich von einem Riesenaufgebot an Verfolgern festnehmen. Detailliert erfuhren das die Leser jedoch erst am 3. November, weil unmittelbar nach dem Zugriff wegen des Feiertags keine Zeitung erschien.

 

Puzzlestücke aus einer fernen Zeit, die in der Erinnerung immer unwirklicher wird.

Ich verbrachte die Jahre 1972 bis 1974 als Volontär und Lokalredakteur in der Grenzstadt Furth im Wald. Für die „Mittelbayerische Zeitung“ ging ich für weitere zwei Jahre an die Lokalausgabe „Neumarkter Tagblatt“. Nach einem jeweils dreimonatigen Intermezzo in der Lokalredaktion „Amberger Volksblatt“ und in der Zentralredaktion der „Mittelbayerischen“ akzeptierte die „Süddeutsche Zeitung“ meine Bewerbung und für zwei Jahre half ich, die neue Landkreisausgabe in Erding zu etablieren.

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